Unterschiede der Chemikalienschutzanzüge Typ 1-6: Erklärung, Normen und Einsatzgebiete
Die Auswahl des richtigen Chemikalienschutzanzugs (CSA) ist entscheidend für den Schutz von Mitarbeitern, die mit gefährlichen Chemikalien, Gasen oder biologischen Stoffen arbeiten. Die europäischen Normen geben ein klares, typengebundenes Schema, um den geeigneten Anzug für die jeweilige Gefahrensituation auszuwählen.
Der Blog-Guide:
Die Typen 1 bis 6 im Überblick
Wofür steht der Zusatz „B“ bei den Typen 3-6?
Was bedeutet das „PB“ vor dem „Typ“?
Lassen sich Typen kombinieren?
Auswahlkriterien für den richtigen CSA
Die Schutzanzug Typen 1 bis 6 im Überblick
Chemikalienschutzanzüge sind in Europa gemäß der Europäischen Norm (EN) in die Typen 1 bis 6 unterteilt. Grundprinzip: Typ 1 bietet den höchsten Schutz, Typ 6 den geringsten. Die Nummerierung kennzeichnet spezifische Schutzeigenschaften gegen unterschiedliche Gefahrenarten (gasförmig, flüssig, partikelförmig).
Wichtig: Die Auswahl und Verwendung dieser Anzüge muss im Einklang mit der PSA-Verordnung (EU) 2016/425 erfolgen. Diese schreibt vor, dass persönliche Schutzausrüstung nur dann eingesetzt werden darf, wenn sie den entsprechenden Normen entspricht und für die jeweilige Gefährdungssituation geeignet ist – dokumentiert durch eine Gefährdungsbeurteilung und CE-Kennzeichnung.
Schutzanzug Typ 1: Gasdicht – Der höchste Schutz
Schutz gegen: Gefährliche feste, flüssige und gasförmige Chemikalien, Dämpfe, Aerosole und feine Partikel.
Beschreibung: Vollständig gasdichte (gas-tight) Anzüge, die unter Überdruck stehen, werden immer mit einer unabhängigen Atemluftversorgung getragen.
Typ 1 Erweiterungen:
- Typ 1a: Der Atemluftbehälter (Druckluftatmer) wird innerhalb des gasdichten Anzugs getragen.
- Typ 1b: Der Atemluftbehälter wird außen am Anzug befestigt (z.B. auf dem Rücken).
- Typ 1c: Die Atemluft wird über eine Leitung von einer externen, stationären Quelle (z.B. einem Kompressor oder einer Druckluftflaschenbatterie) separat zugeführt. Der Träger ist also über einen Schlauch mit dieser entfernten Quelle verbunden.
Normhinweis: DIN EN 943-1:2019-12 und die strengere DIN EN 943-2:2019-12 für Notfallteams.
Typische Einsatzgebiete: Feuerwehr bei ABC-Einsätzen, Arbeiten in kontaminierter Atmosphäre (Tanks, Silos), Notfallteams in Chemieanlagen.
Schutzanzug Typ 2: Nicht gasdicht (Veraltet)
Hinweis: Dieser Typ wurde mit der Überarbeitung der EN 943-1 eingestellt und ist nicht mehr Bestandteil der aktuellen Normung.
Schutzanzug Typ 3: Dicht gegen Flüssigkeitsstrahl
Schutz gegen: Flüssige Chemikalien unter Druck.
Beschreibung: Diese Anzüge sind so konstruiert, dass sie einen direkten, kraftvollen Flüssigkeitsstrahl abweisen. Die Dichtigkeit wird durch flüssigkeitsdichte Verbindungen zwischen den Kleidungsstücken erreicht.
Normhinweis: DIN EN 14605:2005+A1:2009.
Typische Einsatzgebiete: Arbeiten an unter Druck stehenden Leitungen, Tankreinigung, Hochdruckreinigung mit Chemikalien.
Schutzanzug Typ 4: Dicht gegen Sprühnebel (Spritzdicht)
Schutz gegen: Flüssige Chemikalien in Form von Aerosolen (Sprühnebel) und Spritzern.
Beschreibung: Typ-4-Anzüge sind "spritzdicht" (spray-tight). Sie bieten keinen Schutz gegen einen gezielten Flüssigkeitsstrahl, sind aber in der Regel leichter und flexibler.
Normhinweis: DIN EN 14605:2005+A1:2009.
Typische Einsatzgebiete: Lackierarbeiten, Pestizidausbringung, Laborarbeiten.
Schutzanzug Typ 5: Schutz gegen luftgetragene Partikel
Schutz gegen: Luftgetragene feste, gefährliche Partikel (Stäube, Fasern, Rauch).
Beschreibung: Der Schutz wird durch partikeldichte Materialien und dichte Abschlüsse erreicht. Im Fokus steht die Verhinderung des Eindringens von lungengängigen Stäuben und Fasern.
Normhinweis: DIN EN ISO 13982-1:2004+A1:2010.
Typische Einsatzgebiete: Asbestsanierung, Schimmelsanierung, Arbeiten mit Feinstäuben in der Pharmaindustrie.
Schutzanzug Typ 6: Begrenzter Schutz gegen leichte Spritzer
Eingeschränkter Schutz gegen: Leichte Spritzer und geringe Mengen weniger gefährlicher flüssiger Chemikalien.
Beschreibung: Bietet das niedrigste Schutzniveau in der CSA-Typenreihe. Er schützt nicht gegen Strahlen, Sprühnebel oder Gase.
Normhinweis: DIN EN 13034:2005+A1:2009.
Typische Einsatzgebiete: Laborarbeiten, medizinische Einrichtungen, kleine Reinigungsarbeiten
Wofür steht der Zusatz „b“ bei den Typen 3-6?
Die EN 14126 definiert Leistungsanforderungen an Schutzkleidung gegen Infektionserreger (z. B. Bakterien, Viren, Pilzsporen). Das "b" signalisiert, dass der Anzug nicht nur den Basis-Anforderungen des jeweiligen Typs (z.B. Typ 5 für Partikel) entspricht, sondern zusätzlich gemäß EN 14126 auf seine Barrierewirkung gegen biologische Agenzien geprüft und für wirksam befunden wurde. Das "b" ist kein eigenständiger Typ , sondern immer ein Zusatz zu einem bestehenden CSA-Typ. Es beschreibt eine erweiterte Schutzeigenschaft.
Was bedeutet das „PB“ vor dem „Typ“?
PB (Typ) steht für „Partial Body“ und kennzeichnet Teilkörperschutzanzüge, die nach denselben Anforderungen geprüft sind wie die entsprechenden Ganzkörpertypen – etwa gemäß DIN EN 14605. Typ PB(4) schützt vor Flüssigkeitsspritzern, PB(6) vor leichten Spritzern und Aerosolen. Typische Formen sind Schürzen, Jacken oder Ärmelschoner – ideal für Arbeitsbereiche, in denen gezielter, aber nicht vollumfänglicher Schutz erforderlich ist.
Lassen sich die Typen kombinieren?
Ein CSA kann für mehrere Gefahren gleichzeitig zertifiziert sein. Die Kombination Typ 4-5-6 schützt beispielsweise gegen Sprühnebel, Partikel und Spritzer. Die Kombination wird im Leistungsindex und auf dem Etikett ausgewiesen.
Der Leistungsindex
Neben dem CSA-Typ liefert die Herstellerinformation weitere Informationen durch den Leistungsindex. Die Leistungswerte werden in Klassen von 1 (geringste Anforderung) bis 6 (höchste Anforderung) angegeben und dokumentieren das Prüfergebnis des Materials in den jeweiligen Testverfahren.
Geprüft werden unter anderem:
- Mechanische Eigenschaften: Hierzu zählen die Beständigkeit gegen Abrieb, die Weiterreißfestigkeit und die Durchstichfestigkeit des Materials. Diese Werte zeigen, wie widerstandsfähig der Anzug gegenüber physikalischen Belastungen ist.
- Chemische Barriere: Geprüft wird die Widerstandsfähigkeit des Materials gegen die Penetration und Permeation verschiedener Chemikalien. Die Leistungsklasse gibt an, wie lange das Material einem chemischen Stoff standhält.
- Komfort und Ergonomie: Eigenschaften wie die Biegerissfestigkeit (wie oft das Material gebogen werden kann, bis es reißt) und der Wasserdampfwiderstand (ein Maß für die Atmungsaktivität) sind für die Trageakzeptanz und Dauer entscheidend.
- Spezifische Schutzeigenschaften: Für den deklarierten Schutz (z.B. Typ 5 oder 6) werden spezifische Tests wie der Spraytest oder Partikeldichtigkeitstest durchgeführt, deren Bestehen für die Zertifizierung erforderlich ist.
Der Leistungsindex ist maßgeblich für die Eignung eines Anzugs für eine bestimmte Tätigkeit. Ein Schutzanzug des Typs 6 kann beispielsweise in seinen mechanischen Eigenschaften erheblich variieren, was ihn für einen Grobeinsatz ungeeignet macht, auch wenn er chemisch ausreichend schützen würde.
Auswahlkriterien für den richtigen CSA
Die Wahl des richtigen Chemikalienschutzanzugs erfordert eine umfassende Gefährdungsbeurteilung. Die reine Typ-Kennzeichnung ist nur der erste Schritt.
Folgende Kriterien müssen unbedingt berücksichtigt werden:
- Gefahrenart und Schutzziel (Typ):
Besteht eine Gefahr durch Gase/Dämpfe (Typ 1), Flüssigkeitsstrahlen (Typ 3), Sprühnebel (Typ 4), Partikel (Typ 5) oder nur leichte Spritzer (Typ 6)?
Ist zusätzlich ein Schutz vor biologischen Kontaminationen oder radioaktiven Partikeln erforderlich? (Dies wird durch zusätzliche Normen wie EN 14126 oder EN 1073-2 abgedeckt).
- Chemische Kompatibilität:
Das Anzugmaterial muss undurchdringlich für die spezifisch verwendeten Chemikalien sein. Die Leistungsdaten des Herstellers zur Penetration und Permeation sind hier entscheidend. Ein Anzug, der gegen eine bestimmte Säure schützt, kann gegen ein Lösungsmittel völlig ungeeignet sein.
- Intensität und Dauer der Einwirkung:
Handelt es sich um kurze, versehentliche Spritzer oder um länger andauernden Kontakt? Die mechanische Belastbarkeit (Abrieb-, Weiterreißfestigkeit) des Anzuges muss zur Einsatzsituation passen.
Bei intensiver Einwirkung (hoher Druck, abrasive Umgebung) können Materialien mit höherwertigen Barriereeigenschaften und Verarbeitungen notwendig sein.
- Ergonomie und Komfort:
Schwere, gasdichte Anzüge (Typ 1) führen zu hoher physiologischer Belastung. Leichtere Anzüge (Typ 4-6) bieten mehr Bewegungsfreiheit. Der Wasserdampfwiderstand beeinflusst den Hitzestau und die Tragezeit erheblich. Hinzukommen
- Kombination mit weiterer PSA:
Der Chemikalienschutzanzug muss sich mit der benötigten Atemschutzmaske, Schutzhandschuhen und -stiefeln kombinieren lassen. Die Übergänge müssen dicht sein. Wird antistatischer Schutz gefordert, muss ein durchgehender Körperschlusskreis hergestellt werden (inklusive ESD-Schuhwerk und geerdeter Boden). Achtung: Normale antistatische Schutzanzüge sind nicht automatisch für explosionsgefährdete Zonen (z. B. Zone 0) zugelassen – in solchen Fällen sind speziell geprüfte ESD- und ATEX-konforme Anzüge erforderlich.
- Wirtschaftlichkeit:
Ein Typ 1-Anzug bietet zwar den höchsten Schutz, ist in Anschaffung, Wartung und Handhabung aber auch der kostenintensivste.
FAQ – Häufige Fragen zu Chemikalienschutzanzügen
1. Welche Unterschiede gibt es bei den Schutzanzug Typen 1-6?
Die Chemikalienschutzanzüge-Typen unterscheiden sich je nach Schutzwirkung:
- Typ 1 ist gasdicht und bietet den höchsten Schutz (z. B. bei giftigen Gasen).
- Typ 3–4 schützen vor Flüssigkeiten, Sprühnebel oder Druckstrahlen.
- Typ 5–6 sind für Partikel und leichte Spritzer geeignet.
2. Kann ein Chemikalienschutzanzug (CSA) gegen mehrere Gefahren gleichzeitig schützen?
Ja, viele Anzüge sind als Kombination zertifiziert (z. B. Typ 4-5-6). Das bedeutet, sie erfüllen die Anforderungen mehrerer Typen und schützen z. B. gegen Sprühnebel, Partikel und Spritzer.
3. Was bedeutet der Zusatz/Buchstabe „B“ bei Typ 3-B bis 6-B?
Das „B“ steht für biologischen Schutz nach EN 14126 – z. B. gegen Viren, Bakterien oder infektiöse Aerosole. Wichtig für Gesundheitsdienste oder kontaminierte Bereiche.
4. Ist ein gasdichter Typ 1-Anzug immer die beste Wahl?
Nicht zwangsläufig. Wenn keine Gefahr durch gasförmige Stoffe besteht, sind leichtere Typen wie 4, 5 oder 6 oft die bessere Wahl – sie sind nicht nur kostengünstiger, sondern bieten auch mehr Tragekomfort und Bewegungsfreiheit im Arbeitsalltag.
5. Was ist der Leistungsindex bei Schutzanzügen?
Der Leistungsindex gibt Aufschluss über mechanische Festigkeit, Chemikalienbeständigkeit, Komfort und spezifische Schutzeigenschaften – klassifiziert in Stufen von 1 (gering) bis 6 (sehr hoch).
6. Dürfen Chemikalienschutzanzüge mehrfach verwendet werden?
Einweg oder Mehrweg?
- Typ 1 Anzüge sind oft wiederverwendbar.
- Typ 3/4 Je nach Modell und Hersteller sowohl als Einweg- als auch als Mehrwegausführung erhältlich
- Typ 5/6 in der Regel Einweg – auf Herstellerhinweise achten!
Wichtig: Die Wiederverwendbarkeit hängt auch vom Verschmutzungsgrad, der Dekontaminierbarkeit und der mechanischen Beanspruchung ab.
7. Welche EN-Normen gelten für Chemikalienschutzanzüge?
Je nach Typ gelten u. a. diese Normen:
- Typ 1: DIN EN 943-1 und -2
- Typ 3/4: DIN EN 14605
- Typ 5: DIN EN ISO 13982-1
- Typ 6: DIN EN 13034
- Zusatz „b“: EN 14126
8. Wer entscheidet, welcher Schutzanzug eingesetzt werden muss?
Die Auswahl muss durch eine befähigte, fachkundige Person (z.B. Sicherheitsbeauftragter) auf Basis einer Gefährdungsbeurteilung erfolgen, die alle Einsatzbedingungen und Gefahrstoffdaten berücksichtigt.
Rechtlicher Hinweis:
Diese Informationen dienen ausschließlich der ersten Orientierung und wurden mit Sorgfalt zusammengestellt. Eine Gewähr für die Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität der Angaben kann jedoch nicht übernommen werden. Die Auswahl, Verwendung und Wartung von Chemikalienschutzanzügen erfordert stets eine individuelle Gefährdungsbeurteilung durch eine hierfür befähigte Person. Der Hersteller dieser Unterlagen übernimmt keine Haftung für Schäden, die aus der Anwendung der enthaltenen Informationen resultieren. Es gelten ausschließlich die jeweiligen Herstellerangaben und einschlägigen Normen als verbindliche Grundlage.