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Chemikalienschutzhandschuhe richtig auswählen: EN ISO 374 einfach erklärt

Chemikalienschutzhandschuhe richtig auswählen: EN ISO 374 einfach erklärt

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten
Lena Kirstein
25.09.2026

Ein Spritzer Reiniger, der Griff in eine alkalische Lösung oder längerer Kontakt mit einem Lösemittel: Chemikalien gelangen im Arbeitsalltag auf ganz unterschiedliche Weise an die Hände. Häufig wird der Schutzhandschuh dann nach Material, Piktogramm oder der allgemeinen Angabe „chemikalienbeständig“ ausgewählt.

Doch weder „Nitril“ noch das Chemikalienschutz-Piktogramm bedeuten, dass ein Handschuh gegen jeden Gefahrstoff ausreichend schützt. Ein Modell kann einer bestimmten Säure lange widerstehen und bei einem anderen Stoff deutlich schneller an Schutzwirkung verlieren. Auch Konzentration, Temperatur und Kontaktart spielen eine wichtige Rolle.

Die EN ISO 374 hilft dabei, Chemikalienschutzhandschuhe besser einzuordnen. Dieser Beitrag erklärt, was die Typen A, B und C, die Kennbuchstaben sowie Begriffe wie Permeation, Penetration und Degradation bedeuten – und worauf Einkauf und Arbeitsschutz bei der Auswahl achten sollten.

Was regelt die EN ISO 374?

Die Normenreihe EN ISO 374 beschreibt Anforderungen und Prüfverfahren für Schutzhandschuhe gegen gefährliche Chemikalien und Mikroorganismen.

Die wichtigsten Teile sind:

  • EN ISO 374-1: Anforderungen und Kennzeichnung für chemische Risiken
  • EN ISO 374-2: Prüfung auf Penetration durch Löcher oder andere Fehlstellen
  • EN ISO 374-4: Prüfung der Materialveränderung durch Chemikalien
  • EN ISO 374-5: Anforderungen an den Schutz gegen Mikroorganismen

Chemikalienschutzhandschuhe gehören in der Regel zur PSA-Kategorie III. Was diese Einordnung für Prüfung und Kennzeichnung bedeutet, erläutert unser Beitrag zu den PSA-Kategorien I, II und III.

Hinweis zum Normenstand: Die internationalen Normen ISO 374-1 und ISO 374-5 wurden 2024 überarbeitet. Im aktuellen Amtsblatt der Europäischen Union sind derzeit weiterhin die Fundstellen EN ISO 374-1:2016 und EN ISO 374-5:2016 als harmonisierte Normen veröffentlicht.

Was bedeuten Typ A, B und C?

Chemikalienschutzhandschuhe werden nach ihrer Permeationsleistung in die Typen A, B und C eingeteilt.

Typ Mindestanforderung
Typ A mindestens Leistungsstufe 2 gegen mindestens sechs Prüfchemikalien
Typ B mindestens Leistungsstufe 2 gegen mindestens drei Prüfchemikalien
Typ C mindestens Leistungsstufe 1 gegen mindestens eine Prüfchemikalie

Leistungsstufe 1 entspricht einer normierten Durchbruchzeit von mindestens zehn Minuten, Leistungsstufe 2 mindestens 30 Minuten.

Mehr Kennbuchstaben bedeuten nicht automatisch mehr Schutz beim konkreten Einsatz. Entscheidend ist, ob der Handschuh gegen den tatsächlich verwendeten Stoff ausreichend beständig ist.

Ein Handschuh des Typs A wurde gegen mehr Referenzchemikalien geprüft als ein Handschuh des Typs B oder C. Daraus lässt sich jedoch keine allgemeine Rangfolge für alle Anwendungen ableiten. Ein Typ-B-Handschuh kann für einen bestimmten Gefahrstoff besser geeignet sein als ein Typ-A-Handschuh, der für diesen Stoff keine ausreichende Beständigkeit aufweist.

Was bedeuten die Buchstaben unter dem Piktogramm?

Unter dem Chemikalienschutz-Piktogramm stehen bei Handschuhen des Typs A und B Kennbuchstaben. Jeder Buchstabe bezeichnet eine festgelegte Prüfchemikalie, gegen die der Handschuh die erforderliche Permeationsleistung erreicht hat.

Für die ASATEX-Modelle 3450 und 3490 sind folgende Referenzchemikalien relevant:

Kennbuchstabe Prüfchemikalie
A Methanol
J n-Heptan
K Natriumhydroxid, 40 %
L Schwefelsäure, 96 %
M Salpetersäure, 65 %
O Ammoniakwasser, 25 %
P Wasserstoffperoxid, 30 %
T Formaldehyd, 37 %

Die EN ISO 374-1 umfasst insgesamt 18 festgelegte Prüfchemikalien. Die Kennbuchstaben zeigen, gegen welche dieser Referenzstoffe der erforderliche Leistungswert erreicht wurde. Sie belegen keine pauschale Beständigkeit gegenüber allen Säuren, Laugen, Lösemitteln oder Gemischen.

Wichtig: Die Tabelle zeigt nur die für die genannten ASATEX-Handschuhe relevanten Referenzchemikalien. Sie ersetzt keine produktspezifische Beständigkeitstabelle für den tatsächlich eingesetzten Stoff.

Permeation, Penetration und Degradation: Wo liegt der Unterschied?

Für die Beurteilung eines Chemikalienschutzhandschuhs sind drei Vorgänge entscheidend.

Permeation

Permeation bezeichnet das Durchwandern einer Chemikalie durch das Handschuhmaterial auf molekularer Ebene. Der Stoff kann das Material durchdringen, obwohl der Handschuh äußerlich noch unbeschädigt aussieht.

Bei der Prüfung wird gemessen, wie lange es dauert, bis auf der Innenseite des Materials eine festgelegte Permeationsrate erreicht wird. Daraus ergibt sich die normierte Durchbruchzeit.

Penetration

Bei der Penetration gelangt eine Chemikalie durch Löcher, Risse oder andere Fehlstellen in den Handschuh. Die Dichtigkeit wird unter anderem mit Wasser- und Luftlecktests geprüft.

Degradation

Degradation beschreibt die schädliche Veränderung des Handschuhmaterials durch Chemikalienkontakt. Das Material kann beispielsweise aufquellen, sich verfärben, verspröden oder an Festigkeit verlieren.

Bei der Prüfung nach EN ISO 374-4 wird untersucht, wie sich die Durchstichfestigkeit nach dem Kontakt mit einer Prüfchemikalie verändert. Für die Chemikalien, mit denen die Permeationsprüfung durchgeführt wird, müssen auch Ergebnisse zur Degradation in der Benutzerinformation angegeben werden.

Ein Handschuh sollte deshalb nicht allein nach seiner Durchbruchzeit ausgewählt werden. Auch seine Dichtigkeit und die Materialveränderung durch den Stoff sind zu berücksichtigen.

Ist die Durchbruchzeit die maximale Tragezeit?

Nein. Die normierte Durchbruchzeit ist ein Vergleichswert aus dem Labor und keine verbindliche maximale Tragezeit für den Arbeitsplatz.

Die tatsächliche Schutzdauer kann unter anderem beeinflusst werden durch:

  • Temperatur
  • Konzentration und Zusammensetzung des Stoffes
  • Spritzkontakt oder vollständiges Eintauchen
  • mechanische Belastung und Dehnung
  • Zustand und vorherige Verwendung des Handschuhs

Untersuchungen des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) zeigen, dass Chemikalienschutzhandschuhe unter realen Arbeitsbedingungen deutlich kürzere Durchbruchzeiten erreichen können als unter den festgelegten Prüfbedingungen. Für den Betrieb sollten deshalb ein anwendungsbezogener Wechselrhythmus und klare Regeln für die Entsorgung festgelegt werden.

Was bedeutet der Hinweis „VIRUS“?

Das Mikroorganismen-Piktogramm ohne zusätzlichen Hinweis steht für Schutz gegen Bakterien und Pilze. Steht darunter das Wort VIRUS, wurde der Handschuh zusätzlich einer Virenpenetrationsprüfung nach ISO 16604 unterzogen. Dabei dient der Bakteriophage Phi-X174 als Prüfvirus.

Der Virusschutz ist eine zusätzliche Eigenschaft. Er ersetzt nicht die Bewertung der chemischen Beständigkeit und sagt nichts darüber aus, gegen welche Gefahrstoffe der Handschuh eingesetzt werden kann.

Wie lässt sich der passende Chemikalienschutzhandschuh auswählen?

Die Auswahl sollte nicht allein anhand des Materials, des Piktogramms oder der Typenbezeichnung erfolgen. Ein sinnvoller Ablauf umfasst folgende Schritte:

  1. Gefahrstoff bestimmen: Chemikalie oder Gemisch eindeutig erfassen.
  2. Sicherheitsdatenblatt prüfen: Besonders die Angaben zur persönlichen Schutzausrüstung beachten.
  3. Einsatzbedingungen bewerten: Konzentration, Temperatur, Kontaktart und Kontaktdauer einbeziehen.
  4. Herstellerinformationen vergleichen: Beständigkeit und Prüfwerte für den konkreten Stoff kontrollieren.
  5. Weitere Gefährdungen berücksichtigen: Zum Beispiel mechanische Belastung, Hitze oder biologische Risiken.
  6. Passform und Handschuhlänge festlegen: Der Handschuh muss sicher sitzen und die erforderliche Fingerfertigkeit ermöglichen. Zu große Handschuhe können die Griffsicherheit beeinträchtigen; eine ungeeignete Größe kann zudem die Handhabung erschweren.
  7. Wechsel und Entsorgung regeln: Beschädigte, degradierte oder kontaminierte Handschuhe rechtzeitig austauschen.

Das Sicherheitsdatenblatt ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Für die konkrete Auswahl sollten zusätzlich die Benutzerinformation und die Beständigkeitsangaben des Handschuhherstellers herangezogen werden.

Zwei Typ-A-Handschuhe mit unterschiedlichen Ausführungen

Die ASATEX Chemikalienschutzhandschuhe 3450 und 3490 erfüllen beide die Anforderungen an Typ A. Dennoch unterscheiden sie sich in ihrem Aufbau und ihren Einsatzschwerpunkten.

Chemikalienschutzhandschuh 3450

Der 3450 ist ein klassischer Chemikalienschutzhandschuh aus Nitril mit Baumwollbeflockung. Seine Typ-A-Kennzeichnung umfasst die Prüfchemikalien J, K, L, O, P und T. Zusätzlich ist der Schutz gegen Viren ausgewiesen.

Chemikalienschutzhandschuh 3490

Der 3490 besitzt einen Polyamid-Carbon-Liner mit vollständiger Nitrilbeschichtung. Er ist als Typ A mit den Kennbuchstaben A, J, K, L, M, O, P und T gekennzeichnet und ebenfalls gegen Viren geprüft. Seine Konstruktion verbindet Chemikalienschutz mit Fingerfertigkeit und Griffsicherheit. Zusätzlich können kapazitive Touchscreens bedient werden, ohne den Handschuh auszuziehen.

Welcher Handschuh geeignet ist, entscheidet nicht die Anzahl der Kennbuchstaben allein. Ausschlaggebend sind die eingesetzte Chemikalie, die Arbeitsbedingungen und die weiteren Anforderungen der Tätigkeit.

Häufige Fragen zu Chemikalienschutzhandschuhen

Ist Typ A immer besser als Typ B?

Nein. Typ A weist die erforderliche Permeationsleistung gegenüber mehr Referenzchemikalien nach. Für die Auswahl zählt jedoch, ob der Handschuh gegen den konkret verwendeten Stoff geeignet ist.

Schützt ein Nitrilhandschuh gegen alle Chemikalien?

Nein. Beständigkeit und Durchbruchzeit hängen von der genauen Materialzusammensetzung, der Materialdicke und der Verarbeitung ab. Nitrilhandschuhe können daher gegenüber demselben Stoff unterschiedliche Prüfwerte erreichen.

Ist die Durchbruchzeit gleichzeitig die maximale Tragezeit?

Nein. Sie wird unter festgelegten Laborbedingungen bestimmt. Temperatur, Bewegung, Dehnung und reale Einsatzbedingungen können die tatsächliche Schutzdauer deutlich verkürzen.

Können Chemikalienschutzhandschuhe mehrfach verwendet werden?

Ob ein Chemikalienschutzhandschuh mehrfach verwendet werden darf, richtet sich nach der Benutzerinformation des Herstellers, dem eingesetzten Gefahrstoff und den konkreten Einsatzbedingungen. Bei unklarer Restkontamination, Beschädigungen oder erkennbaren Materialveränderungen darf er nicht erneut verwendet werden.

Fazit: Nicht der Typ allein entscheidet

Die EN ISO 374 bietet eine wichtige Orientierung bei der Auswahl von Chemikalienschutzhandschuhen. Typ A, B oder C, Kennbuchstaben und Durchbruchzeiten zeigen jedoch immer nur einen Teil der Schutzleistung.

Entscheidend sind der konkrete Gefahrstoff, seine Konzentration, die Temperatur, die Kontaktart und die tatsächlichen Arbeitsbedingungen. Erst der Abgleich dieser Faktoren mit den Herstellerangaben zeigt, welcher Handschuh für die vorgesehene Tätigkeit geeignet ist.

Sie benötigen Unterstützung bei der Auswahl? Sprechen Sie uns an – das ASATEX-Team berät Sie gerne zu geeigneten Chemikalienschutzhandschuhen für Ihren Anwendungsbereich.